UNION
DER FESTEN HAND
Ein Industrie-Theaterprojekt von Stephan Stroux
nach dem Roman von Erik Reger
Union der Festen Hand
Spielorte
Begleitprogramm
Kurzbiografien
Pressestimmen
Fotos
In Koproduktion
mit den Spielorten
Reichsbahnausbesserungswerk RAW - Berlin
Weltkulturerbe Rammelsberg - Niedersachsen
Bergwerk Göttelborn - Saarland
Weltkulturerbe Zollverein - NRW
Industrie-Denkmal & Industrie-Museum Kraftwerk Plessa - Brandenburg
Unter Beteiligung
und Förderung durch
Hauptstadtkulturfonds Berlin
Braunschweigischer Vereinigter Kloster- und Studienfonds
Weltkulturerbe Rammelsberg - Goslar
Stiftung Klosterkammer
Ministerium für Wissenschaft und Kultur Niedersachsen
Industrie Kultur Saar GmbH
Stiftung Zollverein
Stiftung Kunst und Kultur NRW
Ruhrkohle AG
Stadt Essen
Stiftung Industriedenkmalpflege und Geschichtskultur NRW
Entwicklungsgesellschaft Zollverein
Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur Brandenburg
Landkreis Elbe-Elster
Industrie-Denkmal & Industrie-Museum Kraftwerk Plessa
Neue Bühne Senftenberg
IBA Fürst Pückler Land
Und der besonderen Zusammenarbeit mit der Bundeszentrale für politische
Bildung
Medienpartner Berlin: Der Tagesspiegel, Zitty, SFB Inforadio
Medienpartner überregional: ZDF/3sat/Theaterkanal
Bühnenrechte: Verlag Felix Bloch Erben
Eine
Produktion der GbR UNION DER FESTEN HAND und der mediapool GmbH, Berlin
UNION
DER FESTEN HAND
Ein Industrie-Theaterprojekt von Stephan Stroux nach dem Roman von Erik
Reger
UNION DER FESTEN HAND ist eine großflächige Industrielandschafts-Inszenierung
mit einem internationalen Ensemble aus Schauspielern, Industriemusikern,
Licht- und Feuerkünstlern, die von Mai bis August 2003 in ehemaligen
Anlagen der Schwerindustrie gezeigt wird, in denen der Traum von Aufschwung
und Vollbeschäftigung noch nachhallt: im Weltkulturerbe Rammelsberg
in Goslar, im Bergwerk Göttelborn, im Weltkulturerbe Zollverein in Essen
und im ältesten Braunkohlekraftwerk Europas, dem Industrie-Denkmal &
Industrie-Museum Kraftwerk Plessa. Die Berliner Premiere findet auf
dem Gelände des ehemaligen Reichsbahnausbesserungswerk RAW statt. Die
Hallen werden dabei zum Originalschauplatz des Stückes: Mit der Eisenbahn,
dem zentralen Motor der industriellen Revolution im 19. Jahrhundert,
spannt die Inszenierung den Bogen von der schwerindustriellen Fertigung
von Eisen und Stahl zu ihrem (neben der Rüstungsindustrie!) wichtigsten
Endprodukt: Schienen, Räder, Achsen.
Das Theaterstück UNION DER FESTEN HAND basiert auf dem gleichnamigen
Roman von Erik Reger alias Hermann Dannenberger (1893-1954), der in
den 1920er Jahren in der Presseabteilung des Krupp-Konzerns arbeitet.
Über die enge - und bis heute höchst wirksame! - Verquickung von wirtschaftlichen
und politischen Interessen, die er an seinem Arbeitsplatz erlebt, schreibt
Reger Ende der 20er Jahre einen Schlüssel- und Enthüllungsroman. Der
Roman beschreibt eine historische Umbruchzeit in Deutschland. Eine Zeit,
in der sich die schwelenden Konflikte zwischen Industriemagnaten, Arbeiterschaft
und Politik verdichteten und in der die zentralen politischen Weichen
von der Industrialisierung im 19. zur Globalisierung im 21. Jahrhundert
gestellt wurden. 1931 erhält der Autor, der nach 1945 als Gründer und
Chefredakteur des Berliner "Tagesspiegel" zu den bekanntesten
Journalisten Deutschlands gehört, für sein 500 Seiten umfassendes Werk
den Kleist-Preis.
Bezeichnenderweise stehen in UNION DER FESTEN HAND nicht die Politiker
der Weimarer Republik, sondern die Arbeiter und Industriebosse im Zentrum
der Handlung. Die Szenen auf dem Werksgelände führen vor, wie die Arbeiterschaft
systematisch aus der Mitbestimmung herausdrängt wird. Zuletzt kommen
den Großindustriellen dabei auch die Nationalsozialisten zu Hilfe, die
das ideologische Vakuum füllen, das die gescheiterten revolutionären
Utopien hinterlassen haben. Weil UNION DER FESTEN HAND am Beispiel des
Kruppkonzerns schonungslos aufzeigt, wie die Großindustriellen in den
letzten Jahren der Weimarer Republik bereitwillig 'Steigbügelhalter'
Hitlers spielen, lassen die Nazis Regers Roman 1933 verbieten.
UNION DER FESTEN HAND an den Stätten des Weltkulturerbes der
UNESCO
Ingesamt 730 Orte weltweit, davon 27 in Deutschland, sind von der UNESCO
in den letzten Jahrzehnten mit dem Titel "Welterbe der Menschheit"
ausgezeichnet worden. In die Liste aufgenommen wurden Natur- und Kulturstätten,
Denkmäler und Bauwerke, die einen "außergewöhnlichen universellen Wert"
besitzen. Die Orte, die als besonders schützens- und erhaltenswert gelten,
müssen zwei Kriterien erfüllen: Sie müssen weltweit "einzigartig" und
weitgehend "authentisch" erhalten sein.
Drei der fünf Spielorte des Theaterprojektes UNION DER FESTEN HAND tragen
den von der UNESCO vergebenen Titel "Weltkulturerbe der Menschheit".
Das Bergwerk Rammelsberg erhielt die Auszeichnung schon 1992; es folgte
1994 die Völklinger Eisenhütte und 2001 der Industriekomplex Zeche Zollverein.
Das 1988 geschlossene Bergwerk Rammelsberg gilt als einziges Bergwerk
der Welt, an dem tausend Jahre europäische Bergbaugeschichte architektonisch
ablesbar sind. Die Anlage, die ein Jahrtausend lang in Betrieb war,
besteht aus einer Vielzahl historischer Baudenkmäler: Neben Abraumhalden
aus dem 10. Jahrhundert finden sich noch Gebäude aus dem 15. und Wasserräder
aus dem 20. Jahrhundert. Auch die Völklinger Eisenhütte und die Industrieanlage
Zeche Zollverein zeichnen sich durch ihre architektonische Einzigartigkeit
aus. Zudem stehen sie symbolisch für eine ganze Epoche des industriellen
Fortschrittes und für Hunderttausende von Arbeitern, die an den Förderbändern
und Hochöfen in Essen und Völklingen im Laufe des 20. Jahrhunderts entscheidend
am wachsenden Reichtum einer modernen Industrienation mitwirkten.
Mit der Aufnahme der drei Industriedenkmäler in die Liste des Weltkulturerbes
hat die UNESCO signalisiert, welche zentrale Rolle den Orten bei der
wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung Deutschlands zukam. Dass
das Theaterprojekt UNION DER FESTEN HAND die Stätten nun als 'Bühnen'
entdeckt, soll die Orte anders als historisch-museal erfahrbar machen.
Das industrielle Erbe wird, indem es in vielfältiger Weise bespielt
und inszeniert wird, nicht nur als eindrucksvolle historische Hintergrundkulisse
verstanden, sondern direkt in den künstlerischen Prozess einbezogen.
Die jeweilige szenische Umsetzung des dramatisierten Reger-Romans UNION
DER FESTEN HAND orientiert sich ausdrücklich an den Industriedenkmälern.
Die Inszenierung wird die Spuren und Ereignisse, deren stumme Zeugen
die Gebäude in Essen, Völklingen und am Rammelsberg sind, aufgreifen
und sie in einen Theaterabend voller Text, Musik und Lichtspektakel
einbinden. Das "Weltkulturerbe" bleibt so nicht nur ein Relikt
aus einer vergangenen Zeit, sondern wird wieder zu einem lebendigen
Bestandteil gegenwärtiger Kunst und Kultur.
Roman und Stück
Erik Reger / Hermann Dannenberger
Am 8. September 1893 wird Hermann Dannenberger als Sohn des Grubenaufsehers
Johann Daniel Dannenberger, der auf der zur Firma Krupp AG Essen gehörenden
Erzgrube Werner beschäftigt war, in Bendorf am Rhein geboren. 1912 beginnt
er ein Studium der Germanistik, Anglistik und Romanistik in Bonn; später
studiert er in München und Heidelberg.
1915 wird Dannenberger vom Studium zwangsbeurlaubt und kommt als Soldat
an der Westfront zum Einsatz. 1917 gerät er in englische Gefangenschaft.
1919 kehrt er, aus der Gefangenschaft entlassen, nach Bendorf zurück.
1920 wechselt er zu Krupp nach Essen und arbeitet dort im firmeneigenen
Pressebüro. Sieben Jahre lang bleibt er Angestellter der Pressestelle.
Daneben beginnt Hermann Dannenberger seit 1924 regelmäßig für Zeitungen
zu schreiben. Als Journalist publiziert er unter dem Pseudonym Erik
Reger. 1927 wechselt Reger alias Dannenberger zur Literatur- und Theaterzeitschrift
"Der Scheinwerfer". Neben seinen feuilletonistischen Artikeln und Theaterrezensionen,
mit denen er sich nicht nur Freunde in der Theaterszene macht (das Schauspielhaus
Bochum erteilt ihm 1928 nach einer vernichtenden Kritik Hausverbot und
lässt ihn von der Polizei aus dem Zuschauersaal entfernen!), äußert
er sich zunehmend auch zu sozialpolitischen Themen. So erscheinen nach
1927 in der "Weltbühne" und im "Dortmunder General Anzeiger"
enthüllende Artikel über die Machenschaften der Industrie.
Den Blick hinter die Kulissen wirtschaftlicher und staatlicher Machtgefüge
verarbeitet Dannenberger Ende der 20er Jahre zu dem Roman UNION DER
FESTEN HAND. Darin gelingt dem Ex-Pressereferent die Schilderung seines
ehemaligen Arbeitsplatzes als gezielte Stelle der Desinformation, der
Verschleierung und Manipulation der öffentlichen Meinung.
UNION DER FESTEN HAND wird 1933 von den Nazis verboten. 1934 geht Dannenberger
ins Schweizer Exil, kehrt jedoch 1936 nach Deutschland zurück, wo er
beim Deutschen Verlag (ehemals: Ullstein) als Lektor arbeitet. Daneben
publiziert er weitere Romane und Essays.
Nach dem Krieg erhält er zusammen mit Walter Karsch und Edwin Redslob
von der britischen Zensurbehörde in Berlin die Genehmigung zur Herausgabe
einer Tageszeitung. Dannenberger, Karsch und Redslob gründen den "Tagesspiegel",
dem Dannenberger lange Jahre als Mitherausgeber und Chefredakteur vorsteht.
Am 10. Mai 1954 stirbt Dannenberger an einem Herzschlag.
Der
Roman
Der Roman UNION DER FESTEN HAND gehört zu den zeitgeschichtlich aufschlussreichsten
Dokumenten der neuen Sachlichkeit. Kennzeichnend für die Kunst- und
Literaturbewegung ist der entschiedene Verzicht auf eine romantisierende
Alltagsdarstellung. Vielmehr soll anhand exemplarischer Figuren der
Zusammenhang zwischen Arbeit und Bewusstsein, zwischen politischen,
ökonomischen, sozialen und psychologischen Vorgängen nüchtern aufgezeigt
werden. Am Beispiel der Stahlwerke Risch-Zander, die unschwer als Krupp-Betriebe
zu entschlüsseln sind, entwirft Reger das Panorama einer von wirtschaftlichen
und politischen Krisen geschüttelten Epoche. In fünf Abschnitten, die
das Kaiserreich und die Novemberrevolution, die Weimarer Republik und
den Ruhrkampf sowie die Öffentlichkeitsarbeit des Langnam-Vereins behandeln,
wird die Vorgeschichte der Nazi-Herrschaft aufgerollt. Im Mittelpunkt
der Kritik steht einerseits die Zusammenarbeit von Schwerindustrie und
NSDAP, andererseits aber auch das Versagen der Arbeiterschaft und ihrer
Interessenvertreter.
Der Roman zielt nicht auf die psychische Verlebendigung von Figuren
und zwischenmenschlichen Konflikten, sondern auf Typisierung. Das Proletariat,
die Angestellten und die Industriellen sind die eigentlichen Helden
des Romans - die Protagonisten gehen in ihrer Funktion als soziale Rollenträger
auf. Eine zentrale Position im Erzählgefüge, dass ca. 400 Figuren auftreten
lässt, hat Adam Griguszies, der sich vom Kranführer, Revolutionär und
Arbeiter- und Soldatenratsvorsitzender über den Betriebsrat wieder zum
Kranführer entwickelt und schließlich als Arbeitsloser endet. Griguszies
beginnt als glühender Revolutionär und gerät trotz allem in die Mühlen
des Kleinbürgertums. Widerwillig folgt er der Aufsteigermentalität seiner
Frau Alma, weil er den Konflikt zwischen privater Sehnsucht und politischem
Anspruch nicht lösen kann. Mit der Eindeutschung seines "Pollackennamens"
ist die Assimilation ans Bürgertum perfekt.
Die Schilderungen des proletarischen Alltags in UNION DER FESTEN HAND
entlarvt die ganze Skala der offenen und subtilen Unterdrückungsmechanismen
und die absolutistischen Herrschaftsformen der Schwerindustrie. Wirksamer
Bestandteil dieses Ordnungssystems sind die Wohlfahrtsinstitutionen,
die Krupp-Historiographen gern als vorwärts weisendes "Sozialwerk" verherrlichen
und die Reger als karitativ maskierten Zwang entlarvt.
Neben der Schilderung des Arbeitermilieus werden auf der anderen Seite
auch die Industriellen und Wirtschaftsführer samt ihrem Beamten- und
Angestelltengefolge porträtiert. Bei der "Union der festen Hand", von
der unter den Industriellen des Romans häufig die Rede ist, handelt
es sich um eine Fiktionalisierung des Langnam-Vereins der rheinisch-westfälischen
Schwerindustrie und ihres weitverzweigten publizistischen Propaganda-Apparates.
Regers Roman zeigt, wie in den späten 20er Jahren die Rückkehr zum Wirtschaftsimperialismus
vollzogen wird: Dabei nutzen die firmeneigenen Pressebüros ihr Netz
von Kanälen, um ein publizistisches Trommelfeuer "gegen die Steuer,
gegen die soziale Belastung" zu lancieren: In sämtlichen Organen der
öffentlichen Meinung erscheinen manipulierte "Tatsachenberichte" und
retuschierte Lohnstatistiken, die die berechtigten Forderungen der Gewerkschaften
auszuhebeln verstehen.
So pendelt der Erzählstrang zwischen den oberen und unteren Rändern
der sozialen Schichten, bildet der Roman ein vielstimmiges Geflecht
an Einzelepisoden. Als Garant für die zeitgeschichtliche Authentizität
hat Reger zudem zahlreiche nicht-literarische Texte in sein Werk integriert:
Reden, Äußerungen, Kommuniqués, Interviews, Artikeln, Prospekten, Rundschreiben,
Statistiken.
UNION DER FESTEN HAND erschien zuerst 1931 im Rowohlt Verlag. 1931 bekam
Dannenberger für den Roman zu gleichen Teilen mit Ödön von Horváth den
Kleist-Preis (Laudatio: Carl Zuckmayer). 1933 wurde UNION DER FESTEN
HAND von den Nationalsozialisten verboten, 1946 brachte der Aufbau Verlag
eine Neuauflage heraus. Es folgte 1976 eine Auflage im Scriptor Verlag
und im Rowohlt Taschenbuch Verlag, 1979 und 1990 im Argon Verlag. 1988
wurde der Roman in der Reihe "Bibliothek der Klassiker" beim
Rowohlt Verlag wiederaufgelegt - herausgegeben von Michael Naumann.
In den siebziger Jahren wurde UNION DER FESTEN HAND mit Hannes Messemer
in der Hauptrolle vom ZDF verfilmt. Bereits 1968 war unter der Intendanz
von Egon Monk eine Dramatisierung am Schauspielhaus Hamburg geplant
(Bearbeitung: Claus Hubalek). Weil die Intendanz nach drei Monaten abgebrochen
wurde, kam es aber nicht zur Aufführung.
Das
Stück
Dass Regers Roman eine historisch bedeutende Schnittstelle zwischen
dem 19. und dem 21. Jahrhundert, zwischen industrieller Revolution und
Globalisierung beschreibt, macht den Text als Vorlage für eine Dramatisierung
hochaktuell. Die Zeitspanne, die UNION DER FESTEN HAND umreisst, beginnt
mit der Abdankung des deutschen Kaisers: Das fehlende Staatsoberhaupt
und die Nachkriegswirren lassen die seit dem 19. Jahrhundert schwelenden
antagonistischen Kräfte zwischen Industrie und Arbeiterschaft 1918 vehement
hervorbrechen. Im kommenden Jahrzehnt, den 1920er Jahren, werden dann
- in der Industrie, nicht in der Politik! - die Arbeits- und Machtstrukturen
geschaffen, die unsere Gesellschaft bis heute bestimmen.
Eines der Anliegen der Dramatisierung war es, die komplexen Nebenhandlungen
des Romans zugunsten mehrerer Kernauseinandersetzungen zu bündeln: erstens
dem Konflikt zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern, zweitens dem Generationenkonflikt
zwischen dem alten feudalen Firmenpatriarchen und dem modernen Konzernchef
und drittens dem Konflikt innerhalb der Arbeiterschaft, deren politische
Orientierung in den ausgehenden zwanziger Jahren stark divergiert.
Daneben werden die sozial- und wirtschaftspolitischen Konflikte, die
im Theaterstück UNION DER FESTEN HAND ausgetragen werden, von der kommenden
Machtübernahme des Nationalsozialismus überschattet. Regers Roman dokumentiert
zum einen die Bereitschaft der Schwerindustrie, den Nazis zuzuarbeiten.
Der Roman zeigt auch, wie die Maßnahmen seitens der Industrie zur Entpolitisierung
der Arbeiterschaft den Nationalsozialisten einen fruchtbaren Nährboden
für ihre Ideologie bereiten.
Zweieinhalb Jahre lang dauerte es, den 500-Seiten-Roman in drei Arbeitsschritten
in ein 67-Seiten umfassendes Theaterstück umzuschreiben. Dabei wurde
die Anzahl der im Roman auftretenden Figuren von ca. 400 auf jetzt 24
dezimiert. Stephan Stroux hat sich gegen eine streng chronologische
Nacherzählung des Romans entschieden und dramatische Lösungen für die
Szenenabfolge auf der Bühne zu finden versucht. Die im Ernst Bloch Erben
Verlag erschienene Dramatisierung stellt eine Verdichtung der Romanvorlage
dar, die die Romanhandlung auf die Gegenwart hin perspektiviert.
Die
Inszenierung(en)
Bei der Inszenierung UNION DER FESTEN HAND sollen der Text und das szenische
Spiel, Musik und Tanz, Feuer- und Lichteffekte in den jeweiligen Industrieraum
hineingetragen werden. Der Zuschauer wandert dabei mit der Aufführung
mit. Die Inszenierung wird geprägt von der Ambivalenz der Eindrücke
- der Intimität der schauspielerischen Vorgänge steht die Gewalt der
Architektur gegenüber. Mit neun Schauspielern werden die Geschichten
von mehr als 24 Figuren erzählt. Dazu wechseln die Darsteller zwischen
verschiedenen Rollen, die jeweils inhaltlich kontrastierend aufeinander
bezogen sind: gerade noch Betriebsrat, jetzt Konzernchef, gerade noch
Arbeiterfrau, jetzt Gattin eines Industriemagnaten.
Parallel zu den Textszenen werden mit Hilfe von Musik, Licht, Feuer,
Tanz, Film etc. Bilder- und Klangwelten geschaffen, die den Zuschauern
zusätzliche Assoziationen ermöglichen. Ein Tanz greift z.B. die Härte
der Arbeitsorte auf und reflektiert die Auswirkungen der industriellen
Revolution auf die Bewegungsabläufe der Arbeitenden. Installationen
mit Feuer spiegeln die Arbeitsabläufe zwischen Eisenschmelze und Hochofen
wider, verschiedene Etappen der Evolutionsgeschichte der Menschheit
leuchten blitzartig auf; der Klang der Maschinen wird mit Instrumenten,
die aus vor Ort gefundenen Materialien entwickelt wurden, nachempfunden.
Eine die Aufführungen mit unterschiedlichen Musikstilen des 20. Jahrhunderts
begleitende Musikcombo wird die szenischen Darstellungen untermalen,
verdoppeln, konterkarieren und emotional an die Gegenwart anbinden.
Entscheidend für die integrale Gesamtkomposition des Projektes ist die
entsprechende Adaption der Inszenierung an die jeweilige Umgebung. Jeder
Ort hat seine eigene Inszenierung; der Einsatz der Mittel richtet sich
nach der architektonischen Struktur und den ehemaligen Arbeitsprozessen
der Spielorte.
Spielorte
Die Spielorte des Theaterprojektes UNION DER FESTEN HAND sind ebenso
konkrete wie typische Stätten der industriellen Entwicklung, in gewisser
Weise deren 'Originalschauplätze'. Die Orte stehen zudem in einem inneren
Zusammenhang, denn sie weisen den Weg der Montan- und Schwerindustrie
von der Gewinnung der Grundstoffe bis zu den Endprodukten.
Berlin:
Reichsbahnausbesserungswerk (RAW) Warschauer Strasse
Mit der Eisenbahn, dem zentralen Motor der industriellen Revolution
im 19. Jahrhundert, wird der Bogen gespannt von der modernen schwerindustriellen
Fertigung von Eisen und Stahl zu ihrem (neben der Rüstungsindustrie!)
wichtigsten Endprodukt: Schiene, Räder, Achsen. Die Revolutionierung
der Verkehrsverhältnisse hatte aber auch militärstrategische Bedeutung;
und in der Weimarer Republik wurde die Eisenbahn als staatlicher Großbetrieb
eine wichtiges 'Pfand' der Siegermächte für die Reparationsleistungen,
die Deutschland aufbringen musste. Vertreter der Alliierten besetzen
gemeinsam mit den in der UNION DER FESTEN HAND geschilderten 'Herren
der Industrie' die Leitungs- und Kontrollgremien.
Das RAW, im Ostteil der deutschen Hauptstadt gelegen, besteht seit 1867
an diesem Ort; es wurde - bis auf die fortbestehende Nachtwartung von
IC-Zügen - erst nach dem Zusammenbruch der DDR in den 90er Jahren stillgelegt.
Heute ist es eine Industrieruine, die zeitweise als Filmkulisse vermietet
wird und zukünftig in eine Mischnutzung von Wohnen, Arbeit und Kultur
umgewandelt werden soll.
Goslar,
Niedersachsen: Weltkulturerbe Rammelsberg
Über 3000 Jahre Bergbau am Rammelsberg haben einer ganzen Region ihren
unverkennbaren Stempel aufgedrückt. Die Metalle, erschmolzen aus den
Erzen des Berges, schufen Wohlstand: Sie waren Grundlage und Motor zahlreicher
Industrien. Im Mittelalter zog es Könige und Kaiser zu den Bodenschätzen
am nördlichen Harzrand. Sie residierten in der Kaiserpfalz am Fuße des
Rammelsberges. In ihrer Nachbarschaft wuchs Goslar zur mächtigen Reichsstadt
heran, mit prächtigen Bürgerhäusern und Kirchen, die noch heute das
Stadtbild prägen. Auch die Hohenzollern zog es nach Goslar. Vor der
Pfalz ließen sie die Standbilder Barbarossas und Wilhelms I. errichten
als Sinnbild vermeintlicher Kontinuität und in Erinnerung an alte Kaiserherrlichkeit.
Die Herrlichkeit der Hohenzollern fand mit dem Ersten Weltkrieg ihr
Ende - der historische Ausgangspunkt des Theaterstückes Union der festen
Hand. Der Rammelsberg war als schwerindustrieller Betrieb kriegswichtig
gewesen, und so sahen ihn auch die Nationalsozialisten im Zuge ihrer
Autarkiepolitik: Am Hang des Berges ließen sie eine der modernsten Erzaufbereitungsanlagen
ihrer Zeit errichten - entworfen von den Architekten Fritz Schupp und
Martin Kremmer, auf deren Reißbrettern auch die Pläne für die Zeche
und Kokerei Zollverein entstanden. Der Rammelsberg ist seit 1992 UNESCO-Weltkulturerbe
der Menschheit, mit ihm die wesentlich vom Bergbau geprägte Altstadt
Goslar - kein Ort mehr für Großmachtträume, sondern als außer-gewöhnliches
und modernes Museum ein Ort mit Zukunftsvisionen und ein authentischer
Ort für die Vermittlung von Kultur: einer Kultur der Arbeit.
Bergwerk Göttelborn, Saarland
Das ehemalige Bergwerk Göttelborn ist ein eindrucksvolles Zeugnis der
jüngsten Bauepoche der Industriearchitektur. Der weiße, futuristisch
anmutende Förderturm IV sticht als Landmarke hervor und ist ein prägendes
Wahrzeichen des Ortes und des Saarkohlewaldes. Am Standort Göttelborn
wurde seit 1887 Kohle gefödert. 1972 gehörte Göttelborn - was die technische
Ausrüstung und Förderleistung betraf - zur Spitzengruppe des deutschen
Bergbaus. Die letzte Förderung fand im September 2000 statt, Ende 2000
wurde das Bergwerk stillgelegt.
Essen,
NRW: Weltkulturerbe Zollverein
Der Standort Essen nimmt in dieser Produktionskette eine besondere Rolle
ein: Zum einen ist die Stadt im Herzen des Ruhrgebiets der Heimatstandort
der Firma Krupp und der Hauptschauplatz des Romans UNION DER FESTEN
HAND. Andererseits wurde Essen im Laufe der letzten hundert Jahre oft
zum Austragungsort von Arbeitskämpfen und Streiks in der Montanindustrie
und damit auch überregional zum Symbol für den Widerstand der modernen
Arbeiterbewegung gegen die Herren aus Politik und Wirtschaft. In der
Zeche Zollverein wurde die Kohle gefödert, die dann in der Kokerei Zollverein
zu Koks verarbeitet wurde. Koks wiederum dient als Brennstoff für die
Umwandlung von Eisen zu Stahl, dem Ausgangsprodukt für die schwerindustrielle
Fertigung von Lokomotiven, Eisenbahnschienen und -waggons, von Schiffen
und Automobilen, aber auch von Panzern und Kanonen.
Die Kokerei Zollverein ist im Rahmen der Internationalen Bauausstellung
(IBA) Emscher-Park zum musealen Kulturzentrum entwickelt und im Dezember
2001 ebenfalls zum "Weltkulturerbe der Menschheit" erklärt worden.
Plessa,
Brandenburg: Industrie-Denkmal & Industrie-Museum Kraftwerk Plessa
Im Brandenburgischen Braunkohle-Tagebaugebiet gelegen spannt Plessa
den Bogen von der modernen Industrienation Anfang des 20. Jahrhunderts
zur Informationsgesellschaft des beginnenden 3. Jahrtausends. In Plessa
wurde aus der in der Braunkohle eingeschlossenen Energie Elektrizität
erzeugt, der "Grundstoff" der postindustriellen Gesellschaft. Heute
bilden elektrischer Strom und elektronische Prozesse die "materielle"
Basis für die Maschinen und Apparate des Informationszeitalter.
Plessa ist mittlerweile - wie die anderen Spielorte auch - Opfer der
wirtschaftlichen Entwicklung des späten 20. Jahrhunderts geworden; das
Braunkohlekraftwerk wurde Anfang der 90er Jahre geschlossen. Die Bemühungen
um die kulturelle Umnutzung des Kraftwerk-Komplexes als Industriedenkmal
und Industriemuseum im Rahmen der IBA Fürst-Pückler-Land sind mittlerweile
aber so weit gediehen, dass hier eine postindustrielle Perspektive sichtbar
wird.
Begleitprogramm
"Der Gott, der Eisen wachsen ließ, wollte keine Knechte!"
Die Bundeszentrale
für politische Bildung/bpb veranstaltet unter dem Titel "Der Gott, der
Eisen wachsen ließ, wollte keine Knechte!" das Beiprogramm zum Theaterprojekt
UNION DER FESTEN HAND von Stephan Stroux. Es umfasst Filmvorführungen,
theaterpädagogische Darbietungen für Schüler, Podiumsdiskussionen und
Klangperformances und soll versuchen, die Inhalte des Stückes in einen
erweiterten Kontext zu setzen.
Termine
Berlin
"Krieg ist die Fortführung
der Geschäfte mit anderen Mitteln" - eine Podiumsdiskussion
Mit Prof. Dr. Schnell, Generalleutnant a.D.; Dr. Hermann Scheer, MdB/
SPD, Präsident von Eurosolar; Dr. Peter Gauweiler, MdB/ CSU, Rechtsanwalt
(angefragt); Moderation: Mathias Greffrath
22. April 2003, 19.30 Uhr, Akademie der Künste, Hanseatenweg 10, 10557
Berlin
Filmreihe zu UNION
DER FESTEN HAND
Filmprogramm und Ort finden Sie unter www.bpb.de
"Arbeit unter Feuer"
- eine Klangperformance in den Trümmern der Schwerindustrie Unter Mitwirkung
von Musiker/innen und Schauspieler/innen aus dem Projekt UNION DER FESTEN
HAND
6. Mai 2003, 21 Uhr, Reichsbahnausbesserungswerk RAW, Revalerstraße,
10245 Berlin-Friedrichshain
"Trümmerkunde -
ein Spiel mit der Zukunft"
Projekttag (geschlossene Veranstaltung) mit Schüler/innen der Kurt-Schwitters-Oberschule
Berlin-Prenzlauer Berg auf dem RAW-Gelände am 30. April 2003.
Ensemble
Regie / Künstlerische Leitung Stephan Stroux
Dramaturgische Mitarbeit / Textfassung Daniel Fiedler, Henning Fülle
Dramaturgie Henning Fülle
Bühnenbild und Lichtdesign Jo Schramm
Kostüme Meentje Nielsen
Musik Jan Tilman Schade
Choreographie Elena Alonso
Industrieskulptur und Industriemusik Bastiaan Maris
Feuerkunst Kain Karawahn
Performance / Installation Krzystof Zarebski
Musiker Jan Tilman Schade,
Vladimir Milar
und die Gruppe BANDO
Regieassistenz Anne Arnz
Wissenschaftliche
Mitarbeit / Recherche RAW Berlin Dirk Müller
Wissenschaftliche Mitarbeit/ Recherche Essen Gerald Theobalt
Erscheinungsbild / graphische Gestaltung Holger Matthies
Fotografie Sibylle Bergemann
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit Astrid Herbold
Mit
Kaiser / Hillgruber u.a. Götz Schulte
Ottokar Wirtz u.a. Hans-Jörg Frey
Freiherr Risch-Zander u.a. Christian Dieterle
Frau Ella, seine Schwiegermutter u.a. Susanna Kraus
Wallkowiak /Jodoci / Nässler Rüdiger Klink
Hachenpoot / Hiebenstein Matthias Lühn
Adam Griguszies Pawe³ Okraska
Paula Griguszies u.a. Magdalena Walach
Alma Kalinna u.a. Serena Gruß
Kurzbiografien
Stephan Stroux, Regisseur/Produzent, nach Jahren der
Inszenierungen an deutschen Staats- und Stadttheatern seit 1985 zahlreiche
Regiearbeiten im Ausland, u.a. Holland, Portugal, Namibia, Kanada, Brasilien
und Chile. 1985/86 Uraufführung "Quai Quest" von Jean Marie
Koltes in Amsterdam, 1995 am Berliner Ensemble und beim Weimar Kunstfest:
"Erobert die Seele der Nation" - Szenische Lesung der Rede
von Reichsminister Dr. Joseph Goebbels vom 8. Mai 1933 vor den versammelten
deutschen Theaterleitern. Teilnahme an den Kulturstadt Europa Festivals
1988 in Berlin, 1994 in Lissabon, 1999 in Weimar. 1998-2000 "Quem
come quem" /"Wer Frisst Wen" - interkontinentales Theaterprojekt
über die Folgen von Kolonisation mit Schauspielern, Musikern und Tänzern
aus sieben verschiedenen Ländern Afrikas, Südamerikas und Europas. Premiere
und Aufführungen auf verschiedenen Festivals in Portugal. Seit 1998
Arbeit an UNION DER FESTEN HAND.
Henning Fülle, Dramaturg, geb. 1951, seit 1975 politische
Bildungsarbeit, seit 1990 freier Autor und Dramaturg, vielfältige Beratungstätigkeiten
für politische und kulturelle Organisationen, 1999-2000 Kurator des
Theaterprogramms "Z2000 - Positionen junger Kunst und Kultur",
1997-2001 Dramaturgentätigkeit für Kampnagel Hamburg.
Jo Schramm, Szenograf und Lichtdesigner, geb. 1974,
Studium an der Kunstakademie Stuttgart und der Hochschule für Gestaltung
Karlsruhe, seit 1992 freier Lichtdesigner. Zahlreiche Lichtinstallationen,
Lichtdesign und Szenographie für Christoph Schlingensief und Stefan
Pucher. Theaterarbeiten u.a. am Staatstheater Stuttgart, Metropoltheater
München, Rheinstahlhalle Stuttgart, Schauspielhaus Zürich, Volksbühne
Berlin.
Kain Karawahn, Performance-Künstler, seit 1983 Beschäftigung
mit Feuer in unterschiedlichen Ausdrucksformen, Erstellung von Brandsätzen,
Feuerporträts, Installationen im In- und Ausland, 1992 Feuer- und Videoperformances
auf der documenta IX, Feuer-Inszenierungen u.a. an der Volksbühne und
am Schauspielhaus Bochum.
Jan Tilman Schade, Musiker, geb. 1963, Studium an der
HdK Berlin, musikalische Zusammenarbeit mit zahlreichen Bands, u.a.
mit "Einstürzende Neubauten". Komposition von über fünfzig
Bühnenmusiken, zahlreiche Fernseh- und Filmmusik-Kompositionen. Filmmusikpreis
des Filmfestivals Rom R.i.F.F. und des Filmfestivals Bordeaux.
Holger Matthies, Grafikdesigner, geb. 1940, seit 1966
Arbeit als freier Grafikdesigner, zahlreiche Lehraufträge und Workshops
u.a. an der Fachhochschule für Gestaltung Hamburg, der École des Beaux
Arts Paris, in Rio de Janeiro, Madrid, Singapore. Seit 1994 Professor
für Visuelle Kommunikation an der HdK Berlin. Vielfältige Auszeichnungen,
Ausstellungen und Bildbände.
Christian Dieterle, Schauspieler, geb. 1959, Studium
an der Folkwang-Hochschule Essen, Engagements u.a. am Theater Essen,
Neuss, Castrop-Rauxel, Wilhelmshaven. 1987-1997 Ensemblemitglied der
Bremer Shakespeare Company.
Hans-Jörg Frey, geb. 1952, Engagements u.a. am Schauspielhaus
Hamburg, Theater Basel, Thalia Theater Hamburg, Zusammenarbeit mit Peter
Zadek, Luc Bondy, Jürgen Flimm, daneben auch zahlreiche Fernsehrollen.
Götz Schulte, Schauspieler, Engagements am Staatstheater
Schwerin, den städtischen Bühnen Chemnitz und am Berliner Ensemble.
Zusammenarbeit u.a. mit Peter Zadek, George Tabori, Einar Schleef und
Claus Peymann.
Susanna Kraus, Schauspielerin, geb. 1957, Schauspielausbildung
an der Otto-Falkenberg-Schule München, Engagements u.a. am Schauspielhaus
Bochum, Schillertheater Berlin, Schauspiel Köln, Schauspielhaus Frankfurt,
Kammerspiele München; Zusammenarbeit mit Benno Besson, Dimiter Gotscheff,
Andrea Breth, Wilfried Minks, Manfred Karge u.a., Film und Fernsehen.
Rüdiger Klink, Schauspieler, geb. 1971, Ausbildung
an der Bayrischen Theaterakademie München, Engagements u.a. am Akademietheater
München und am Berliner Grips-Theater. Zahlreiche TV- und Kinorollen
u.a. in "Die Manns - Ein Jahrhundertroman" (2000), "Mondscheintarif"
(2000), "Trenk - Zwei Herzen gegen die Krone" (2002).
Matthias Lühn, Schauspieler, geb. 1970, Studium am
Max-Reinhardt-Seminar Wien, Theaterengagements am Burgtheater Wien,
bei den Bregenzer Festspielen, am Schauspiel Frankfurt u.a.
Pawe³ Okraska, Schauspieler, geb. 1975, Studium an
der Staatshochschule Krakau, seit 2000 zahlreiche Theaterengagements,
TV und Film. Zuletzt die Hauptrolle in dem Film "Supplement"
von Krysztof Zanussi.
Magdalena Walach, Schauspielerin, geb. 1976, Studium
an der Staatshochschule Krakau, seit 1999 zahlreiche Theaterengagements,
TV und Film.
Serena Gruß, Schauspielerin, geb. 1973, Studium an
der HdK Berlin, Engagements in Berlin und am Staatsschauspiel Cottbus.
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Astrid Herbold
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UNION DER FESTEN HAND - Pressestimmen
Es ist das ambitionierteste
freie Theaterprojekt des Sommers: Mit seiner Dramatisierung von Erik
Regers Industrieroman UNION DER FESTEN HAND zieht Regisseur Stephan
Stroux durch Ruinen des Industriezeitalters. (...) Keine fertige Inszenierung
schickt Stroux auf die Reise, sondern eine kühne Idee, die in den sehr
verschiedenen Räumlichkeiten ihre endgültige Gestalt erst noch finden
muss. (...) Mit geringfügigen Eingriffen in die vorgefundenen Räume
gelingen dem Bühnenbildner und Lichtdesigner Jo Schramm großartige Szenarien,
die von den Schauspielern mit großer Lust an den ungewohnten Dimensionen
ausgemessen werden.
Stuttgarter Zeitung, 23. Mai 2003
Bei
der UNION DER FESTEN HAND schlendern etwa 200 Zuschauer nächtens hinter
einigen Musikern her – von einer Werkstatt zur anderen, wo jedes Mal
die nächste Szene wartet, die es an Minimalismus mit den ausgeweideten
Arbeitsräumen aufnehmen kann. Dafür strotzen die Dialoge vor kritischer
Politökonomie, großer Politik und kleinem Glück. Bei den letzten Außenszenen
steigt wahrer Bodennebel auf.
Frankfurter Rundschau, 28. Mai 2003
Im RAW schienen die Krupps und die Hugenbergs ganz wie zu Haus in besten
Zeiten. Die Gegenwart fuhr einem allenfalls in Gestalt der eisigen Nachtkälte
in die Knochen, so perfekt verwandelten die starken Schauspieler und
einfallsreich arrangierten Bilder den trüben Industriefriedhof in die
geschäftigen Kruppschen Stahlwerke. (...) Die Leistung von Stroux besteht
darin, dass er diesen schematischen Machtzügen und ihren Folgen Gesichter
verleiht, dass er zeigt, wie zynische Machtstrategen auf hufscharrende
Arbeiter treffen. Auf diese Weise schafft er es, dass sich das riesige
Ruinengelände mit den feuchten Mauern, Galerien, Hallen, Verschlägen
und zerworfenen Scheiben mit Leben erfüllt. Nicht die widerspenstigen
Räume haben die Schauspieler in der Gewalt, sondern umgekehrt. (...)
Stephan Stroux ist eine dichte, sehenswerte Theaterreise durch die Industrie-Vergangenheit
gelungen.
Berliner Zeitung, 21. Mai 2003
Eindringlich
schöne Tableaus in halbverfallenen Hallen - die Reise macht einen nach
wie vor aktuellen gesellschaftlichen Kampf körperlich spürbar.
Zitty Illustrierte Stadtzeitung Berlin, 28. Mai 2003
Und
was für eine Rede, halb an Krupp, halb an die Arbeiterschaft dieser
Kaiser (Götz Schulte) nun hält! So lange einer redet, hat er grundsätzlich
Recht. Das ist die Grundregel des Theaterspielens, sie gilt sogar für
Kaiser und Schwerindustrielle. Wie Schulte das Wort Demokratie mit einem
langen, in immer höhere Höhen vorstoßenden Ekelvokal am Ende versieht.
Wie er bekannt gibt, dass "Rationalisierung" nie ein deutsches
Wort war und nie eins werden wird. Der Kaiser-Monolog ereignet sich
in einer Säulenhalle, auf die selbst "Matrix" neidisch werden
könnte in ihrer pittoresken Brutalität.
Der Tagesspiegel, 17. Mai 2003
Die
zwanziger Jahre, zerrissen zwischen linken und rechten Extremen, zwischen
starkem Proletariat und reaktionären Wirtschaftskapitänen, sind das
Spannungsfeld der "Union der festen Hand". Die Maschinen der
Erzverarbeitungsanlage, all diese tonnenschweren gusseisernen Ungetüme,
um die herum Stephan Stroux das Stück inszeniert hat, vermitteln eine
massive Atmosphäre von der Wucht der damaligen Kämpfe. Das Stück verschmilzt
in seinen besten Momenten mit dem Ort zum Inbild der kapitalistischen
Eisenzeit. (...) Zwangsläufig ist "Union der festen Hand"
eine holzschnittartige Rekonstruktion der Konflikte. Diese direkt auf
die heutigen, nicht minder heftigen Kämpfe zu übertragen, wäre gewiss
problematisch. Aber der Vergleich lohnt - gerade jetzt, am Ende der
Arbeitsgesellschaft, der industriellen Eisenzeit. Langer Beifall.
Braunschweiger Zeitung, 21. Juni 2003
Sehr
komplex - und trotzdem bleibt es spannend. Das liegt zum einen an den
sehr guten Schauspielern, eine große Rolle spielt aber auch die Umgebung:
Die Rohre, Eisenträger oder Maschinen sind stummen Zeugen der Zeit.
Sie schaffen eine eigentümliche Wirklichkeit und werden selbst zu Darstellern.
Hannoversche Zeitung, 21. Juni 2003
Ohne
echte proletarische Tradition... nahm Goslar im Vergleich zu den anderen
Industrieorten einen interessanten Sonderstatus ein. Regisseur Stroux
fand starke Bilder für die Dramatisierung des Romans von Erik Reger:
Frauen vor Turbinen, die sich wie riesige Waschmaschinen in ihren Lebensraum
drängen, Industriebosse in luftiger Höhe auf verlorenem Posten. Auf
einen proletarischen Familienstreit blickt der Zuschauer von oben herab
und Wirtschaftsführer werden im Wäldchen von lauer Abendsonne beschienen.
So entstehen archaisch-poetische Momentaufnahmen vor romantischer Harzkulisse,
die gleichzeitig nationalsozialistische "Blut und Boden" -
Ideologie zum Vorschein bringt...
Der Zuschauer ist ein Wanderer durch die Produktionsstätten vergangener
Zeiten, hier und da werden Momente zum Leben erweckt, die längst vergessen
waren.
Theater der Zeit, September 2003
Aber
was heißt hier schon Theaterstück? Stroux macht aus dem Roman ein furioses
Stationen-Drama, in dem nicht nur von den grandiosen Schauspielern,
sondern auch vom Zuschauer alles abverlangt wird. Stroux schleudert
Personen, Kapitel, Szenen funkelnd und zischend über mehrere Schauplätze.
Immer wieder wird der Beobachter "konditioniert", in die Position
des Mitakteurs gezwungen, der den Kaiser erwartet, Lohnerhöhungen erkämpft
oder der ersten Sitzung der "Union der festen Hand" beiwohnt.
Aufmerksamkeit ist bei diesem Theatererlebnis ein eben so hohes Gut
wie festes Rückrat und Schuhwerk (...) Das Theater über die Versuche
der Arbeiterklasse, sich zur schlagkräftigen politischen Einheit zu
formieren, kommt genau zur richtigen Zeit. Vielleicht schauen es sich
der Bundeskanzler Schröder und der DGB-Vorsitzende Sommer ja mal gemeinsam
an.
Saarbrücker Zeitung, 17. Mai 2003
Inzwischen
ist Industriekultur ein Marketinginstrument der Kulturveranstalter und
Tourismusbüros: Jedermann auf der Halde, Opern und Sinfonien in der
Gebläsehalle - Ausdruckstanz zwischen Hochöfen, Neuntoner im Gasometer.
Sentimental wird der 'Schichtwechsel' als kulturelle Wende erklärt,
wird der Strukturwandel mangels Alternativen theatralisch verklärt.
Inzwischen hat sich die 'Location'-Vermarktung so professionalisiert,
dass raue Maloche-Architektur und eiserne Maschinenparks in bürgerliche
Spielstätten verwandelt werden. (...) Theater im Industrieraum geht
auch anders, einfacher, direkter, näher dran am historischen Ort. Das
will Stephan Stroux mit seiner Produktion "Union der festen Hand".
Süddeutsche Zeitung, 3. Juli 2003
In
Kooperation mit drei weiteren Stätten der Industriekultur zeigte Schichtwechsel
eine Theaterfassung von Erik Regers "Union der festen Hand"
von 1931, ein mit Quellenmaterial bestens unterfüttertes Psychogramm
des Kapitalismus deutscher Prägung. Regisseur Stephan Stroux hat Regers
500-Seiter radikal ausgedünnt und zum Stationendrama herunterdekliniert.
In Göttelborn wird daraus eine mit Revue-Elementen durchsetzte Szenenfolge,
die mit einigem Geschick den Aufstieg und Fall der Arbeiterbewegung
mit den ausgeklügelten Überlebens- und Gewinnmaximierungs-Strategien
des Großkapitels verschränkt. (...) Es gehört zu den Vorzügen der Inszenierung,
dass sie darauf verzichtet, die Vorlage krampfhaft auf modern zu frisieren.
Sie vertraut darauf, dass sich die Analogien von selbst entfalten.
Saarbrücker Zeitung, 7. Juli 2003
Im
feldgrauen Mantel marschiert ein Soldat über grasüberwucherte Bahngleise.
Es ist eine Frau, die sich im bellenden Tonfall selbst Befehle gibt.
Dazu spielt ein Trio flotte Marschmusik. Unten den rostigen Stahlträgern
der Zeche Zollverein in Essen atmet die groteske Eröffnungsszene den
Geist von Bertolt Brechts 'Ballade vom toten Soldaten'. (...) Bisher
wurden entweder die Zeche Zollverein oder die benachbarte Kokerei für
Theaterprojekte genutzt, erstmals wird mit der 'Union der festen Hand'
ein großer Teil des gesamten Geländes bespielt. Die Szenen passen perfekt
zu den jeweiligen Orten. Das überrascht, weil die Inszenierung nicht
in Essen entstanden ist.
Frankfurter Rundschau, 27. Juli 2003
Vom
Bergebunker der Zeche wandern die Zuschauer, begleitet von Maschinengeräuschen,
Banjo-, Tuba- und Akkordeonfolklore, über Stege und Schienenstränge
zur Kokerei. In ihren Gestängen und Gittern sind Industriekapitäne und
Gewerkschafter platziert, um sich Machtgefechte zu bieten, und aus dem
Hintergrund singt Berta Krupp ostinat "Dividende", ehe sie
den bewährten Landauer pikiert dem teuflischen Automobil vorzieht. In
der Löschgleishalle treten Krupp und Stinnes zum rhetorischen Showdown
an, und eine Oswald-Spengler-Karikatur beklagt kulturphilosophisch den
'sittlichen Tiefstand'. Wie durch die Fenster der Augsburger Puppenkiste
äugen die Proletarier durch die Koksoffenbatterien, und in dem gefluteten
Becken davor wird Stinnes zu einem italienischen Trauerlied zu Grabe
getragen.
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30. Juli 2003
Industriedenkmäler
als Kunstkulisse...Neu ist die Tatsache, dass bei Stephan Stroux Theaterprojekt...zusammengespielt
wird, was zusammengehört: "Union der festen Hand" erzählt
ein wichtiges Kapitel der deutschen Industriegeschichte vom antidemokratischen
Pakt der Großindustriellen zu Beginn der Weimarer Republik...Stephan
Stroux hat Regers 500 Seiten Roman auf fünf Szenen verdichtet, die dank
einer Hand voll höchst präsenter Schauspieler dialogisch und musikalisch
zu einleuchtenden Bildern arrangiert werden. In chronologischer Reihenfolge
zeigt Stroux zunächst die enge Liaison zwischen Monarchie, Militarismus
und Industrieadel am Beispiel des kaiserlichen Waffenlieferanten Gustav
Krupp von Bohlen und Halbach. Die zweite Szene konfrontiert das labile
Regime am Vorabend der Revolution von 1918/19 mit den Arbeitern in Krupps
Gießerei. Drei weitere Szenen fragen nach dem Erfolg dieser Revolution:
Während sich die alten Machtcliquen in unheiliger Allianz mit den neuen
Volksideologen formieren, wird die "Arbeiterklasse" zwischen
Richtungskämpfen und Kleinbürgerträumen aufgerieben.
Man mag darüber streiten, wieweit sich die Verhältnisse der Weimarer
Zeit auf die heutige Post-Montangesellschaft übertragen lassen. Unbedingt
überzeugend aber ist die Verknüpfung der alten Industrieanlagen mit
ihrer eigenen Geschichte: Sie sind hier nicht gefällige "Location"
für die Enkel der Malocher, sondern eigenwillige Akteure, die zumal
nach Einbruch der Dunkelheit jede billige Industrieromantik zum Teufel
jagen.
Westfälische Rundschau 29. Juli 2003
Wut
des Proletariats in Szene gesetzt
Das Deutsche Reich in den Zwanzigern: Die Wut des Proletariats prallt
auf das reaktionäre Denken der Wirtschaftsmagnate. Krupp, Stinnes, Flick
- einzelne lenken viele. Ein Kampf, den der Regisseur Stephan Stroux
mit "Union der festen Hand" auf Zeche und Kokerei Zollverein
bestens platziert hat...Als Pressesprecher bei Krupp befand sich Hermann
Dannenberger in den 20er Jahren am Puls der Zeit. Der spätere Gründer
des "Tagesspiegels" schuf der Ruhrwirtschaft unter dem Pseudonym
Erik Reger 1931 mit "Union der festen Hand" ein 500seitiges
Zeitzeugnis, das die Jahre 1918 bis 1930 eindrucksvoll schildert...Stroux
hebt sie/ die Decknamen/ wieder auf, nennt die Fakten beim Namen, reduziert
den Roman zum Stationendrama: rebellische Arbeiter, die gegen unmenschliche
soziale Bedingungen vorgehen, "Hunger" proklamieren, wenn
der Kaiser Hof hält; Machtstrategen wie Krupp und Stinnes, die beim
Bad im Werksschwimmbad Entscheidungen fällen. Das Ergebnis: zu dicht,
um schlicht konsumiert zu werden...
Stroux
versetzt seine Schauspieler an wechselnde Orte, lässt sie zwischen,
auf und unter den Türmen der Zeche erscheinen, hängt sie an Seile, um
die Schrägen zu bespielen, lässt sie in Stiefeln und Abendschuhen durch
die mit Wasser gefüllten Becken der Kohlenwäsche stapfen...
Was
die Schauspieler proklamieren - die Atmosphäre des Ortes trägt jeden
Satz. Der kaiserliche Monolog (großartig: Götz Schulte) etwa bedarf
keiner großen Requisiten, um der Demokratie und den Forderungen der
Arbeiter eine Abfuhr zu erteilen: Die Werkshalle spricht für sich. Trommler,
die Fässern jeden erdenklichen Takt abverlangen, schaffen die einzig
notwendige Geräuschkulisse: die des Kriegshandwerks. Rhythmischer gearbeitet
wurde bei Krupp nie.
Im polnischen Volks- wie im Herweghschen Bundeslied, im Blues wie im
Schlager lässt Stroux die Ereignisse lebendig werden - und kann sich
dabei zu jeder Zeit auf seine Darsteller verlassen. Liebevoll zuletzt
einzelne Details....
Westdeutsche Allgemeine Zeitung, 29. Juli 2003